Pushpak Mahabharata Buch 8Zurück WeiterNews

Kapitel 41 – Shalyas Erwiderung

Sanjaya fuhr fort:
Höre, oh König, was Shalya dem kampfbegierigen Karna zur Antwort gab, indem er ein Beispiel erzählte:
Ich bin in einem Geschlecht geboren, welches viele, große Opfer durchführte, niemals einem Kampf den Rücken kehrte und dessen Könige alle ihre Locken in geheiligten Bädern weihten. Ich selbst bin der Tugend zugeneigt. Doch du scheinst mir einer zu sein, der im Geiste vergiftet wurde. Aus Freundschaft will ich versuchen, deine Irrungen und Vergiftungen zu heilen. So höre, oh Karna, den Vergleich in der Geschichte der Krähe. Wenn du ihn gehört hast, dann tu was du meinst, du dummer Narr deines Geschlechts. Ich kann mich nicht an den kleinsten Makel erinnern, für den du mit deinen starken Armen mich Unschuldigen töten möchtest. Aber ich muß dir sagen, was gut für dich ist und was schlecht, denn ich kenne beides, besonders, weil ich dein Wagenlenker bin und das Wohl Duryodhanas wünsche. Wo ist der Boden eben und wo nicht, die Stärken und Schwächen des Kriegers auf dem Wagen, Ermüdung oder Ohnmacht von Krieger oder Pferden, das Wissen um die Waffen, die Schreie von Reittieren und Vögeln, was ist schwer oder zu schwer für die Pferde, das Herausziehen von Pfeilen und die Behandlung der Wunden, welcher Waffe mit welcher entgegenwirken, die verschiedenen Methoden der Schlacht und alle Arten von Zeichen und Symbolen – ich sollte dies alles kennen, denn ich bin der Lenker dieses Wagens. Und daher erzähle ich dir, oh Karna, folgendes Beispiel:

Die Geschichte von der Krähe und den Schwänen

Am anderen Ufer des Ozeans lebte einst ein Vaisya, der reich an Korn und Gütern war. Er führte Opfer durch, schenkte großzügig, war friedfertig, den Pflichten seiner Kaste ergeben und rein in Betragen und Geist. Er hatte viele Kinder, die er liebte, und war allen Geschöpfen freundlich gesinnt. Und er lebte furchtlos im Reich eines tugendhaften Königs. Es gab da eine Krähe, die von den Resten der Mahlzeiten der wohlerzogenen Vaisya Kinder lebte. Die Kinder gaben dem Vogel immer Fleisch, Quark, Milch, gezuckerten Reis, Honig und Butter. Dermaßen reichlich von Menschenkindern ernährt, wurde die Krähe hochmütig und verachtete andere Vögel, sogar die, die ihr überlegen waren. Und es geschah eines Tages, daß ein Schwarm Schwäne (Clay: Gänse) an dieses Ufer des Ozeans kamen. Sie hatten Freude im Herzen, waren sehr schnell und konnten überall hinfliegen, gerade wie Garuda. Die unerfahrenen Vaisya Kinder sahen die Schwäne und sprachen zur geliebten Krähe:
Oh Wanderer der Lüfte, du bist bestimmt besser als alle geflügelten Wesen.

Die Krähe ließ sich von der Unwissenheit der Kinder gerne täuschen, und aus Narrheit und Arroganz meinte sie, die Worte der Kinder wären wahr. Und stolz auf ihr fettes Resteessen ließ sie sich inmitten der Schwäne nieder und erkundigte sich, wer der Anführer sei. Schließlich forderte sie sogar den Anführer der starken und windesschnellen Schar heraus und sprach:
Laß uns wetteifern, wer besser fliegen kann.

Die schnellen und ausdauernden Schwäne mußten über die dermaßen phantasierende Krähe lachen und sprachen zu ihr:
Wir sind Schwäne, und unsere Heimstatt ist der Manasa See. Wir durchqueren die ganze Erde, und unter den Geschöpfen mit Flügeln werden wir immer für die Länge unserer Reisen gelobt. Doch wie kannst du, eine Krähe, einen Schwan herausfordern, oh Narr? Wir können überall hinfliegen, wo es uns beliebt, und bewältigen lange Strecken. Sag uns, oh Krähe, wie willst du mit uns mithalten?

Doch die prahlerische Krähe glaubte dieWorte der Schwäne nicht, und gab töricht zur Antwort:
Ich kann im Flug einhundertundeins verschiedene Arten der Bewegung zeigen. Und in jeder Art des Fliegens werde ich einhundert Yojanas zurücklegen, und zwar nacheinander. Ich kann mich erheben und niederstoßen, kreisen und gerade fliegen, die Flügel sanft bewegen und stetig fliegen, ich kann in alle Richtungen schräg gleiten, heftig wirbeln, still schweben, zurückweichen, hoch oben segeln, pfeilschnell vorwärts kommen und noch viel schneller fallen, ruckhaft fliegen, stolz die Schwingen bewegen, viel Geräusch machen und vieles, vieles mehr. Und dies alles werde ich euch zeigen! Dann werdet ihr Zeugen meiner Stärke sein. Mit einer dieser Arten des Fliegens werde ich mich in den Himmel erheben. Sagt an, ihr Schwäne, welche soll ich wählen, um durch den Raum zu eilen? Entscheidet ihr die Art des Fluges und erhebt euch mit mir. Und folgt mir in allen Arten der Bewegung durch den schutzlosen Luftraum.

Einer der Schwäne antwortete der Krähe, und, oh Sohn der Radha, höre gut auf seine Worte:
Zweifellos kannst du, oh Krähe, auf einhundertundeine Art fliegen. Doch ich werde mich nur in einer Art fortbewegen. Es ist die Art, die alle Vögel kennen und die einzige, dich ich beherrsche. Und was dich anbetrifft, oh du mit den roten Augen, flieg, wie es dir beliebt.

Die Krähe lachte bei diesen Worten und dachte bei sich:
Wie kann der Schwan mit nur einer Art des Fliegens besser sein, als ich mit meinen hundertundeinen Flugkünsten?

Doch dann erhoben sich Schwan und Krähe in den Himmel, sich gegenseitig fordernd. Der Schwan bewegte sich in seiner Art, während die Krähe alle ihre Flugarten zeigte. Beide staunten über den anderen und dachten im Innern doch am höchsten von den eigenen Fähigkeiten. Andere Krähen, welche das Schauspiel beobachteten, sahen die schönen und sich ständig verändernden Flugmanöver der Krähe und schrien laut und grell vor Freude. Sie stiegen auf und ab, flatterten aufgeregt aus den Wipfeln und krächzten gellend. Auch die Schwäne lachten spöttisch, und ein jeder wähnte den Sieg auf seiner Seite. Der Schwan, der sich in der ihm eigenen, gemächlichen Art fortbewegte, schien für einen Moment hinter der Krähe zu liegen. Was die anderen Krähen schon jubeln und die Schwäne verächtlich ansprechen ließ mit:
Der Schwan von euch dort oben im Himmel ist schon geschlagen.

Dies hörte der Schwan und wandte sich mit zunehmender Schnelligkeit westwärts, dem Meer zu, dieser Heimstatt der Makaras. Und Furcht schlich sich in der Herz der Krähe, die beinahe die Sinne verlor, als sie nirgends mehr eine Insel oder einen Baum entdecken konnte, auf dem sie sich ausruhend niederlassen konnte. In ihrem Herzen erkannte sie, wie weit das Gewässer war und unwiderstehlich mit all seinen zahllosen Geschöpfen. In ihm lebten hunderte Monster, und der Krähe schien es weiter als der Luftraum zu sein. Niemand kann seine Tiefe erreichen, oh Suta Sohn. Die Menschen wissen, oh Karna, daß die Wasser des Ozeans so unbegrenzt sind wie die Lüfte. Und was ist eine Krähe dazu im Vergleich?

Nun, der Schwan war flugs eine Strecke weit geflogen und schaute sich nach der Krähe um. Er brachte es nicht fertig, die Krähe zurückzulassen, wartete und dachte:
Soll sie aufholen.

Völlig erschöpft kam die Krähe heran. Besiegt war sie und sank beinahe ins Wasser hinab. Und der Schwan erinnerte sich an die Praxis der Guten, wollte sie retten und sprach zu ihr:
Du hast so viele Arten des Fliegens aufgezählt, doch diese, deine jetzige Art nicht erwähnt. Sie ist wohl ein Geheimnis für uns. Du berührst mit deinen Flügeln und dem Schnabel beständig das Wasser. Welche Art des Fluges ist dies, oh Krähe? Komm, komm schnell, ich warte auf dich.

Die Krähe konnte die Grenzen des Ozeans nicht erkennen, sank ermattet immer tiefer und antwortete dem Schwan:
Ich bin eine Krähe. Ich springe hin und her und krächze laut. Oh Schwan, ich suche deinen Schutz und lege meinen Lebensatem in deine Hände. Oh, bring mich zurück an den Strand.

Und plötzlich fiel sie ins Wasser. Mit traurigem Herzen sah dies der Schwan und sprach zu ihr, die an der Schwelle des Todes stand:
Erinnere dich, oh Krähe, wie du dich selbst übertrieben gelobt hast. Du rühmtest dich deiner hundertundeinen Art des Fliegens, und daß dich dies mir überlegen machte. Warum bist du dann gerade ins Wasser gefallen?

Schwach richtete die Krähe ihre Blicke nach oben zum Schwan und versuchte, ihn gnädig zu stimmen:
Ich war stolz auf die Nahrungsreste, mit denen mich andere fütterten. Und so meinte ich, Garuda zu sein. Ich habe alle anderen Vögel gering geschätzt. Doch jetzt suche ich bei dir Zuflucht. Oh bring mich zum rettenden Ufer einer Insel. Und wenn du mich in mein Land zurückbringen kannst, oh Herr, dann werde ich niemals wieder irgend jemanden mißachten. O rette mich aus größter Not!

Ohne ein weiteres Wort nahm der Schwan die völlig durchnäßte und nun häßlich anzuschauende, vor Angst schlotternde, schwach krächzende, verzweifelt weinende und immer tiefer sinkende Krähe mit seinen Füßen auf und setze sie vorsichtig auf seinen Rücken. Schnell flog er dann ans Ufer zurück, an dem der Wettbewerb begonnen hatte. Er setzte die Krähe an Land ab, beruhigte sie und flog so schnell wie der Gedanke davon. So wurde die stolze Krähe vom Schwan besiegt, die so übermütig von den Essensresten anderer geworden war. Und die Krähe wandte sich von ihrem stolzen Leben auf ihre Macht und Energie ab, und nahm ein ruhiges und stilles Dasein an.

Und genau wie die Krähe, die sich von den Essensresten der Vaisya Kinder ernährte und so stolz darauf war, daß sie Ihresgleichen und die Höhergestellten mißachtete, genauso handelst du, oh Karna, der du von den Söhnen Dhritarashtras ernährt wirst und sowohl deinesgleichen und deine Höhergestellten mißachtest. Warum hast du Arjuna nicht vor Viratas Stadt geschlagen, als du sogar den Vorteil hattest, daß Drona, Bhishma, Aswatthaman und Kripa auf deiner Seite kämpften? Ihr wurdet wie ein Rudel Schakale von einem Löwen vertrieben! Und als du mit ansehen mußtest, wie Arjuna vor allen Kuru Helden deinen Bruder tötete, warst du der Erste, der vom Schlachtfeld floh. Und an den Ufern des Dwaita Sees, oh Karna, als ihr von den Gandharvas angegriffen wurdet, warst auch du der Erste, der die Flucht ergriff. Es war Arjuna, der die Gandharvas mit Chitrasena an ihrer Spitze im heftigen Kampf besiegte und Duryodhana mit seinen Frauen befreite. Sogar Rama, dein Lehrer, sprach in der Versammlung der Kurus vom Heldenmut von Krishna und Arjuna. Oft genug hast du die Worte von Bhishma und Drona vernommen, daß die beiden unschlagbar sind. Und ich habe nur einige der Situationen erwähnt, in denen Arjuna dir überlegen war, wie ein Brahmane allen Geschöpfen überlegen ist. Schon bald wirst du Krishna und Arjuna auf ihrem Wagen vor dir erblicken. Und wie die Krähe letztendlich mit Klugheit handelte, indem sie beim Schwan Zuflucht suchte, so bitte du Krishna und Arjuna um Zuflucht. Äußere niemals solche Reden vor den beiden, wenn sie kampfbereit auf ihrem Wagen stehen, oh Karna. Sonst wird Arjuna mit hunderten Pfeilen deinen Stolz schon stillen, und du wirst den Unterschied zwischen euch beiden erkennen. Diese beiden besten der Männer werden von den Göttern, Asuras und Menschen gefeiert. Du gleichst dem Leuchtkäferchen. Mißachte nicht aus Torheit die beiden leuchtenden Sterne am Himmel. Wie Sonne und Mond werden die beiden für ihren Glanz gefeiert, doch du bist nur eine schillernde Fliege unter den Männern. Oh Gelehrter, denke niemals geringschätzig von Krishna und Arjuna. Die beiden Hochbeseelten sind Löwen unter den Männern, oh Sohn eines Suta. Und hör auf, so zu prahlen.


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