Pushpak Mahabharata Buch 3Zurück WeiterNews

Kapitel 180 – Die Fragen der Schlange und Yudhishthiras Antworten

Erstaunt fragte da Yudhishthira seinen Bruder:
Oh Sohn der Kunti, wie kamst du in diese Notlage? Und wer ist diese vorzügliche Schlange mit dem Leib wie ein Berg?

Bhima antwortete:
Oh Ehrenwerter, dieses mächtige Wesen hat mich gefangen, um mich zu essen. Er ist der königliche Weise Nahusha, der nun in einem Schlangenkörper lebt.

Nun wandte sich Yudhishthira an die Schlange:
Oh du mit dem langen Leben, gib meinen tapferen Bruder frei. Wir werden dir andere Nahrung beschaffen, um deinen Hunger zu stillen.

Die Schlange meinte jedoch:
Nein, dieser Sohn eines Königs kam von selbst zu mir, und ihn werde ich essen. Geh du fort. Du solltest nicht hier bleiben, denn dann wirst du mein Essen für morgen. Dies wurde nun einmal für mich bestimmt: Wer in meine Reichweite kommt, wird meine Nahrung. Und auch du bist schon in meiner Reichweite. Nach langer Zeit des Hungerns kam dein jüngerer Bruder zu mir. Ich werde ihn nicht gehenlassen und mag keine andere Nahrung.

Doch Yudhishthira sprach:
Oh Schlange, ob du nun ein Gott bist, ein Dämon oder eine Naga, ich bitte dich, sag mir die Wahrheit! Es ist Yudhishthira, der dich fragt. Warum hast du Bhima ergriffen? Durch welche Gabe könntest du wirklich zufriedengestellt werden? Welche Nahrung soll ich dir lieber geben? Unter welcher Bedingung kannst du ihn frei geben?

Die Schlange antwortete:
Oh Sündenloser, ich war dein Vorfahr, der Sohn von Ayu, fünfter Abkömmling des Mondes. Als König Nahusha wurde ich gefeiert. Durch Opfer, Askese, Studium der Veden, Entschlossenheit und Selbstzügelung erreichte ich einen Wohnsitz über den drei Welten. Doch als ich dies erlangt hatte, ergriff mich der Hochmut. Tausend Brahmanen trugen meinen Thron, und vergiftet von meiner Macht demütigte ich sie. So schickte mich Agastya in diese Lage. Doch meine Erinnerung hat mich nicht verlassen, oh Pandava. Durch die Gunst desselben, hochbeseelten Agastya wurde mir als Nahrung bestimmt, was zum sechsten Teil des Tages zu mir kommt. Und dies war heute dein jüngerer Bruder. Weder gebe ich ihn frei, noch wünsche ich andere Nahrung. Nur wenn du mir jetzt meine Fragen beantwortest, dann werden ich und dein Bruder Bhima erlöst sein.

Und Yudhishthira:
Oh Schlange, frag, was du willst. Wenn ich es vermag, werde ich deine Fragen beantworten, denn ich möchte dich zufriedenstellen. Du weißt zweifellos alles, was ein Brahmane wissen sollte. So höre ich dich an und werde antworten.

Die Schlange fragte:
Oh Yudhishthira, wer ist eine Brahmane, und was sollte man erkennen? Deine Rede verrät dich als sehr Klugen.

Yudhishthira:
Nun, beste Schlange, die Weisen sagen, daß derjenige, in welchem Wahrhaftigkeit, Güte, Vergebung, gutes Betragen, Wohlwollen, Beachtung der Riten und Mitgefühl zu sehen sind, ein Brahmane ist. Und was man erkennen sollte, oh Schlange, ist das höchste Brahma, in dem weder Glück noch Elend sind. Wird es erreicht, werden die Wesen nicht mehr vom Leiden bedrängt. Was ist deine Meinung dazu?

Die Schlange:
Oh Yudhishthira, Wahrhaftigkeit, Güte, Vergebung, Wohlwollen, Milde, Freundlichkeit und die Veden, welche zum Nutzen der vier Kasten, wahrhaftig und die Autorität in Sachen Religion sind, findet man auch in einem Shudra (Diener). Und was du als wissenswert erachtest und von dem du behauptest, daß es ohne Glück und Elend sei – nun, ich sehe nichts, was ohne Glück und Elend wäre.

Yudhishthira:
Ein Shudra, in dem diese Qualitäten sind, ist kein Shudra, sondern ein Brahmane. Und ein Brahmane, in dem diese Tugenden fehlen, ist kein Brahmane, sondern ein Shudra. Denn nur diese Qualitäten unterscheiden zwischen Shudra und Brahmane (und nicht die Geburt). Du sagst, oh Schlange, daß es so etwas wie Brahma nicht gibt, weil es nichts gibt, was ohne Glück und Elend ist. Doch wenn Kälte durch die Abwesenheit von Hitze und Hitze durch die Abwesenheit von Kälte erscheint, kann es da nicht auch die Abwesenheit beider geben? Was meinst du?

Schlange:
Oh König, wenn du den als Brahmanen erachtest, in dem sich diese Merkmale entfalten, dann ist die Unterscheidung zwischen den Kasten nutzlos, bis sich das jeweilige Verhalten offenbart, oh Langlebiger.

Yudhishthira:
Ich denke, in der menschlichen Gesellschaft ist es wirklich schwierig, die Kaste eines Menschen genau zu bestimmen, oh kluge und mächtige Schlange, denn es gibt und gab vielfältige Vermischungen der vier Kasten. Männer aller Kasten haben mit Frauen aller Kasten Nachkommen gezeugt, denn Geburt und Tod, sexuelle Vereinigung und Sprache ist für alle gleich. Deswegen beginnen die Rishis ihre Opfer mit solchen Ausdrücken wie „von welcher Kaste wir auch immer sein mögen, wir zelebrieren nun das Opfer“. So sagen die Weisen, daß der Charakter am wichtigsten ist. Denn die Geburtszeremonie wird noch vorm Durchtrennen der Nabelschnur durchgeführt. Dabei handelt die Mutter wie Savitri und der Vater wie ein Priester. Und bis man die Initiation in die Veden erhalten hat, wird jeder als Shudra betrachtet. Zu den Zweifeln bezüglich dieses Punktes hat Svayambhuva Manu folgendes gesagt: „Wenn die ersten drei Kasten nach ihren Reinigungszeremonien nicht den Regeln der Tugend (dem Dharma) folgen, sind sogar die vermischten Kasten als besser zu betrachten.“ Daher erachte ich den als Brahmanen, der den Regeln des reinen und tugendhaften Verhaltens folgt, oh große Schlange.

Schlange:
Oh Yudhishthira, du bist mit allem Wissenswerten vertraut. Und nun, nachdem ich deinen Worten gelauscht habe, wie könnte ich dann noch deinen Bruder Vrikodara aufessen?


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