Pushpak Mahabharata Buch 3Zurück WeiterNews

Kapitel 28 – Die Belehrung von Prahlada

Draupadi fuhr fort:
Zu diesem Thema wird die alte Geschichte vom Gespräch zwischen Prahlada und Bali, dem Sohn von Virochana, als Beispiel erzählt. Eines Tages fragte Bali seinen Großvater Prahlada, den weisen und pflichtbewußten Anführer der Asuras und Danavas: „Oh Vater, ist Vergebung verdienstvoller als Machtausübung? Ich bin neugierig, bitte, oh Vater, erleuchte mich. Du kennst alle Pflichten, sag mir aufrichtig, welches von den zweien ist verdienstvoll? Ich werde strikt deinen Worten folgen.“ Da antwortete dem Zweifelnden sein weiser Großvater Prahlada: „Wisse, mein Kind, daß diese doppelte Wahrheit gewiß ist: Weder Machtausübung noch Vergebung ist ausschließlich verdienstvoll.

Wer immer nur vergibt, muß viel Unheil erleiden. Diener, Fremde und Feinde mißachten ihn andauernd. Kein Wesen verneigt sich vor ihm. Deswegen loben die Gelehrten nicht das beständige Vergeben. Die Diener eines Mannes, der nur vergibt, mißachten ihn, begehen zahlreiche Verfehlungen und stehlen ihm seinen Reichtum. Sind die Diener niederträchtig, fahren sie in seinem Wagen, tragen seine Kleidung und seinen Schmuck, liegen in seinem Bett, sitzen auf seinem Stuhl, essen sein Essen und trinken seinen Trank. Sie folgen nicht dem Befehl ihres Meisters und geben nicht die Dinge an andere, wie er es ihnen gebot. Sie ehren ihren Meister nicht mit dem Respekt, der ihm gebührt. Und Mißachtung ist in dieser Welt schlimmer als der Tod. Mein Kind, zu dem allseits vergebenden Mann sprechen Diener, Fremde, Gefolgsleute und sogar seine Söhne freche Worte. Wer solch einen Ehemann nicht achtet, begehrt sogar seine Gattin. Und die Gattin verfällt der Ignoranz und tut, was ihr beliebt. Wenn Diener, die sich immer dem Vergnügen zuneigen, von ihrem Herrn nicht die kleinste Bestrafung erhalten, dann begehen sie viele Schandtaten und schaden ihrem Herrn. Dieses und anderes Leid haftet dem an, der ständig vergibt.
Doch höre nun, mein Sohn, die Verwerflichkeiten von denen, die niemals vergeben. Wer voller Zorn ist, den umgibt Dunkelheit, und immer unzufrieden bestraft er aus eigener Energie heraus ständig andere Menschen, ob sie es nun verdienen oder nicht. Diese Energie jedoch trennt ihn von seinen Freunden, und er wird sowohl von Freunden als auch von Fremden gehaßt. Weil er ständig andere verletzt, verliert er Wohlstand und langes Leben und erntet Mißachtung, Leid, Hass und Verwirrung. Auch hat er ständig Feinde. Wenn er aus Wut heraus bestraft, erhält er nur rauhe Worte zurück. Und wenn er immerfort seine strafende Energie auf Wohltäter und Feinde gleichermaßen ausdehnt, wird er zur Gefahr für die Welt, wie eine Schlange zur Gefahr für die Menschen wird, in deren Haus sie sich einnistet. Doch wer kann sich irgendeines Glücks erfreuen, wenn er eine Gefahr für die Welt ist? Die Menschen meiden und kränken ihn, wann immer sie Gelegenheit dazu finden. Daher sollten die Menschen niemals ihre Macht übermäßig gebrauchen. Auch sollten sie nicht zu allen Gelegenheiten vergeben. Macht und Vergebung sollten angemessen angewandt werden. Wer im rechten Augenblick vergibt oder auch seine Macht in aller Strenge ausüben kann, wird Glückseligkeit erfahren in dieser und der anderen Welt.

Nun werde ich dir die Gelegenheiten für Vergebung darlegen, wie sie die Gelehrten beschreiben und denen alle Folge leisten sollten. Höre genau zu, was ich dir erzähle. Wenn dir jemand einen Dienst erwiesen hat, aber dich später schwer beleidigt, dann solltest du dich an seine frühere Hilfe erinnern und ihm die Kränkung vergeben. Es sollte auch denen verziehen werden, die aus Unwissenheit oder Narrheit beleidigend wurden, denn Wissen und Weisheit sind für Menschen nicht immer einfach zu erlangen. Wer dir wissentlich schadet und dann Unwissenheit vortäuscht, sollte allerdings immer bestraft werden, auch wenn der Schaden trivial war. Denn solch hinterhältige Absicht sollte niemals vergeben werden. Die erste Kränkung eines jeden Wesens sollte verziehen werden. Die zweite Kränkung sollte bestraft werden, auch wenn sie nur gering war. Wenn jemand einen Schaden ohne Absicht beging, sollte seiner Bitte um Gnade nach sorgfältigen und umsichtigen Erkundigungen nachgegeben werden. Vergebung kann Gewalt und Schwachheit besiegen. Es gibt nichts, was Vergebung nicht erreichen kann. So erkenne, daß Vergebung viel kraftvoller ist (als sie scheint). Immer sollte mit Achtung vor Ort und Zeit gehandelt und die eigene Stärke oder Schwäche bedacht werden. Nichts trägt Erfolg in sich, wenn Ort und Zeit nicht geachtet werden. Bedenke immer Ort und Zeit, mein Kind. Manchmal wird einem Kränkenden vergeben, weil man das Volk fürchtet. Dies sind die Zeiten für Vergebung. Und es wird auch gesagt, daß in allen anderen Fällen dem Kränkenden mit Macht begegnet werden sollte.

Draupadi fuhr fort:
So meine ich, oh König, daß die Zeit für dich gekommen ist, machtvoll zu handeln. Es ist nicht angemessen, an den habgierigen Söhnen Dhritarashtras Vergebung zu üben, wenn sie uns immer wieder schaden und kränken. Es ziemt sich für dich, deine Macht auszuüben. Denn der Demütige, der nur Vergebung übt, wird mit der Zeit mißachtet, während der stets Grimmige die Menschen immer gewalttätiger verfolgt. Nur der ist wahrlich ein König, der zur rechten Zeit sowohl strafend als auch vergebend ist.


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