Pushpak Mahabharata Buch 3Zurück WeiterNews

Kirmira Badha Parva – Tod von Kirmira

Kapitel 11 – Vidura erzählt von Kirmira

Dhritarashtra fragte:
Oh Vidura, ich möchte von der Vernichtung des Kirmira hören. Erzähl mir vom Kampf zwischen Kirmira und Bhima.

Vidura sprach:
So höre denn die Geschichte von Bhimas übermenschlicher Tat. Ich habe sie oft vernommen, als ich bei den Pandavas war.
Nun, du Bester der Könige, nachdem die Pandavas hier abgereist waren, reisten sie drei Tage und Nächte, bis sie den Wald Kamyaka erreicht hatten. Zur mitternächtlichen Stunde, wenn alles schläft und menschenfressende Rakshasas ihre Wanderungen beginnen, mieden die Asketen, Kuhhirten und andere Waldbewohner den Kamyaka Wald und hielten gehörigen Abstand aus Angst vor den Menschenfressern. Doch die Pandavas betraten zu jener dunklen Stunde den Wald und prompt trat ein gräßlicher Rakshasa mit flammenden Augen vor sie hin. Er hielt eine brennende Fackel in der Hand versperrte ihnen den Weg. Die Arme hatte er ausgestreckt, und sein Gesicht war furchtbar, als er sich diesen Kuru Helden entgegenstellte. Acht Zähne lugten hervor, die Augen waren kupferfarben, seine Haare standen leuchtend vom Kopf ab, und er glich einer großen, von Blitzen durchzuckten Wolke, welche die Strahlen der Sonne reflektiert und unter der die Kraniche ihre Schwingen leuchten lassen. Er brüllte laut und gräßlich wie eine Gewitterwolke und verbreitete Sinnestäuschungen um ihn her, wie es für seine Art üblich war. Die Vögel und viele Tiere fielen angstvoll schreiend zu Boden, als sie sein Gebrüll vernahmen. Die Büffel, Hirsche, Leoparden und Bären flohen in alle Richtungen davon, und es schien, als ob der ganze Wald in Bewegung war. Der Wind, den die Beine des Rakshasas machten, ließ noch weit entfernte Kletterpflanzen schwingen und die Bäume mit ihren kupferfarbenen Blättern und Ranken umarmen. Ein gewaltsamer Sturm erhob sich, und Staub wurde bis zum Himmel aufgewirbelt. Wie die Trauer als der größte Feind der fünf Sinne erscheint, gerade so erschien dieser unbekannte Feind vor den Pandavas so groß wie der Berg Mainaka. Die lotusäugige Draupadi begann bei diesem für sie völlig ungewohnten Anblick zu zittern, und aus Angst schloß sie die Augen. Sie, deren Haar von Dushasanas Hand zerwühlte worden war, stand inmitten der fünf Pandavas und glich einem aufgewühlten Strom zwischen fünf Bergen. Doch ihre Gatten stützten die von Angst Überwältigte, wie die fünf durch Leidenschaft bewegten Sinne sich an ihre weltlichen Objekte halten. Dhaumya löste mit seiner großen asketischen Kraft die furchtbaren Täuschungen auf, welche der Rakshasa um sich verbreitet hatte. Auch sprach er viele Mantras zur Abwehr des Rakshasas. Zornig riß da der gewaltige Dämon der krummen Wege seine Augen auf und glich dem Tode selbst. Doch der weise König Yudhishthira sprach ihn furchtlos an.

Yudhishthira fragte:
Wer bist du und wessen Sohn? Sag uns, was wir für dich tun können.

Der Rakshasa antwortete ihm:
Ich bin der gefeierte Kirmira, der Bruder von Vaka. Ich lebe bequem in dieser einsamen Wildnis von Kamyaka und versorge mich täglich mit Nahrung, indem ich Menschen im Kampf besiege. Wer seid ihr, daß ihr mir nahe kommt in Gestalt meiner Nahrung? Ich werde euch alle im Kampf töten und mit Lust auffressen.

Yudhishthira antwortete ihm:
Ich bin König Yudhishthira, der Gerechte, und Sohn des Pandu, von dem du gehört haben magst. Nachdem ich mein Reich verlor, ging ich mit meinen Brüdern auf Wanderschaft und kam in diesen gräßlichen Wald, der dein Reich ist, weil ich meine Zeit des Exils hier verbringen möchte.

Da sprach Kirmira:
Ein gutes Schicksal gewährt mir heute die Erfüllung eines langersehnten Wunsches. Mit erhobenen Waffen durchsuche ich schon lange die gesamte Erde, weil ich Bhima, deinen Bruder, töten will. Doch bisher konnte ich ihn nicht finden. Welch Glück, daß der langgesuchte Mörder meines Bruders heute vor mir steht. Als Brahmane verkleidet schlug Bhima mit Geschick allein meinen lieben Bruder Vaka im Vetrakiya Wald. Es war auch nicht die Kraft seiner Arme, die ihn meinen lieben Freund Hidimba töten und seine Schwester rauben ließ. Und nun kommt der Narr in meinen dunklen Wald zur Stunde der Mitternacht, wenn ich umherwandere. Heute nehme ich langersehnte Rache an diesem alten Feind von mir und erfreue die Ahnen meines Bruders zur Genüge mit seinem Blut. Indem ich diesen Feind der Rakshasas töte, werde ich von meiner Schuld an Freund und Bruder befreit und erlange großen Frieden. Wenn Bhimasena damals Vakas Händen auch entschlüpfte, werde ich ihn heute vor deinen Augen, oh Yudhishthira, verschlingen, wie Agastya einst den mächtigen Asura Vatapi verschlang und verdaute.

Vidura fuhr fort:
Da tadelte der standhafte Yudhishthira den Rakshasa; „Das wird niemals geschehen!“. Der starkarmige Bhima entwurzelte eilends einen Baum, welcher zehn Vyamas lang war (ein Vyama sind ca. zwei Armlängen) und entlaubte ihn völlig. Und der siegreiche Arjuna hatte in einem Augenblick seinen donnergleichen Bogen Gandiva gespannt. Doch Bhima bat Arjuna zurückzutreten und stellte sich vor den brüllenden Rakshasa mit den Worten: „Stell dich!“ Er schnürte seine Kleidung fest um seine Hüfte, rieb sich die Hände, biß sich auf die Unterlippe, ergriff den Baum und stürmte gegen den Menschenfresser. Er wirbelte den Baum wie Maghavat seinen Blitz handhabt und schmetterte ihn kraftvoll seinem Gegner an den Kopf. Doch der Rakshasa blieb unbewegt bei diesem Schlag und wich nicht, sondern schleuderte seine brennende Fackel blitzesschnell auf Bhima. Bhima wehrte das Geschoß mit seinem linken Fuß ab und warf die Fackel zurück auf seinen Feind. Nun entwurzelte der schreckliche Kirmira einen Baum und schleuderte ihn wie Yama seine Keule. Dieser Kampf, der so verheerend für die Bäume war, glich der heftigen Schlacht, welche einst zwischen den Brüdern Bali und Sugriva stattfand. Wenn ein Baum auf den Kopf der Kämpfer krachte, zersplitterte er in viele kleine Stücke, wie Lotusstengel um die Schläfen von tobenden Elefanten geschlagen werden. Unzählige Bäume lagen schon nach kurzer Zeit zerschmettert umher. Dann ergriff der gewaltige Rakshasa einen Felsen und schleuderte ihn auf den vor ihm stehenden Bhima, welcher aber nicht schwankte. Als nächstes raste der wütende Rakshasa mit ausgestreckten Armen auf Bhima zu, wie Rahu mit weitausladenden Armen die Sonne und ihre Strahlen verschlingen will. So begannen sie zu ringen, sich zu ziehen und auf alle Arten zu quetschen, daß sie zwei wütenden Bullen glichen, die miteinander kämpften. Der Zweikampf wurde immer heftiger und härter, als ob sich zwei Tiger mit Klauen und Zähnen gegenseitig bearbeiteten. Doch Bhima erinnerte sich an all die Demütigungen durch Duryodhana, wußte um die Kraft seiner Arme und um Draupadi, die ihn beobachtete, und ihm wuchsen übermäßige Kräfte. Vom Zorn angefeuert umschlang Bhima den Rakshasa mit seinen Armen wie ein Elefant in der Brunft. Der versuchte zwar, Bhima ebenso zu ergreifen, doch es gelang dem starken Bhima, seinen Gegner gewaltsam auf den Boden zu schleudern. Dabei machten die beiden einen furchterregenden Lärm, als ob Bambus splitterte. Dann ergriff Bhima seinen am Boden liegenden Feind an der Hüfte und wirbelte ihn herum, als ob ein tobender Hurrikan die Bäume durchschüttelt. Bei diesem Griff wurde der Rakshasa langsam müde, und es schwanden ihm die Sinne. Er zitterte, doch Bhimas Griff war unerbittlich. Er wand seine Arme um den Dämon, wie man einen Gegner mit dem Seil bindet, bis der Rakshasa gräßlich brüllte. Immer weiter schleuderte Bhima den Rakshasa umher, bis jener bewußtlos schien und nur noch krampfhaft zuckte. Um ihn zu töten, drückte der Sohn des Pandu dem Rakshasa das Knie in die Hüfte und preßte seinen Hals mit den Händen. Er zerrte den blutenden und sterbenden Rakshasa über die Erde und rief mit Zorn im Herzen: „Du sündiger Lump, du wirst nie mehr Tränen um Hidimba und Vaka vergießen, denn du gehst jetzt gleich in das Reich Yamas ein!“ So starb der Rakshasa Kirmira unter bewußtlosen Zuckungen und bar aller Ornamente und Kleider. Da priesen die Brüder Bhima für seine vielen nützlichen Eigenschaften, ließen Draupadi vorangehen und wanderten weiter in die Dwaita Wälder.

Und Vidura schloß:
So tötete Bhima auf Geheiß des gerechten Yudhishthiras den Rakshasa Kirmira. Und so wurde der nun friedliche Wald ohne alle Gefahren zu ihrer Heimat. Diese Bullen unter den Männern beruhigten und beschützten Draupadi und rühmten Bhima mit frohen Herzen. Ich selbst wanderte durch den großen Wald und sah den toten Körper des furchtbaren Rakshasas, den Bhima besiegt hatte, und hörte die Geschichte, welche die Brahmanen in der Umgebung der Pandavas erzählten.

Vaisampayana fuhr fort:
Als König Dhritarashtra von der Schlacht und dem Tod des gewaltigen Krimira gehört hatte, seufzte er traurig und versank ins Grübeln.

Hier endet mit dem 11.Kapitel das Kirmira Badha Parva des Vana Parva im gesegneten Mahabharata.


Zurück Inhaltsverzeichnis Weiter